Dorissa Lem - Stabilität und Bewegung

zu meiner künstlerischen Arbeit

 

Skulptur

Mit meiner künstlerischen Arbeit stehe ich in der Tradition der Klassischen Moderne, den Prinzipien von Form und Proportion verpflichtet. Insbesondere das bildhauerische Werk der britischen Künstlerin Barbara Hepworth hat mich in den Anfangsjahren meiner Arbeit berührt und inspiriert. Auch die afrikanische Skulptur hat mich fasziniert, bis heute. Aus diesen Quellen konnte ich immer wieder schöpfen – sie unterstützten mich auf dem Weg des eigenen Ausdrucks; insbesondere die Skulpturen der 90er Jahre zeigen solche Bezüge.

Obwohl ich auch hier und da mit Stein gearbeitet habe, liegt mir der Werkstoff Holz am meisten. Ich verwende unterschiedliche Holzarten. Der Widerstand des Materials dient mir bei der Formfindung. Meine Skulpturen entstehen rein manuell.  Beim Skulptieren lege ich im Holz Schichten frei, indem ich von außen nach innen arbeite, es ist eine Reise zum Kern im Dialog mit dem Material. Die Arbeit im räumlichen Gebilde ist immer auch verknüpft mit meinem eigenen Sein als Frau im Leibesraum. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen wurde der Leibesraum auch als überpersönlicher Symbolraum betrachtet und verehrt. In diesen kultischen Zusammenhang gestellt, erscheinen die Titel "Mandorla", "Portal"  und "KernEnergie" in neuem Licht.

Die Außenform bleibt zuweilen als Stamm erhalten, im Kontrast zum durchgearbeiteten Inneren; immer ziele ich auf prägnante Einfachheit. Gelegentlich habe ich mit Fundstücken gearbeitet, die ich formal wenig verändert sondern vielmehr entdeckt und inszeniert habe (z. B. "Bewegte Tanzgesellschaft", "Natur-Denk-mal"). Meine Skulpturen laden dazu ein, be-griffen zu werden. Berührung und Berührbarkeit sind mir wichtig: Nähe, Wärme, Stabilität. Auch musikalisches Erleben, überhaupt Klänge, wirken in meine Arbeit hinein, was sich in Titeln niederschlägt – z. B. "Fuge", "B.A.C.H.", "Kalimba", "Aufsteigende Gesänge".

In den letzten Jahren entwickeln sich die Ausstellungen meiner Skulpturen im KunstRaum zu Installationen mit vielfältigen, spannungsvollen Bezügen. Dabei verwende ich neben klassischen Sockeln Kiesel, Mauerziegel und farbigen Lehmputz als Basis.

 

Malerei

Seit einigen Jahren nimmt die Malerei in meinem Kunstschaffen einen gleichberechtigten Platz neben der Skulptur ein. Im Jahre 2002 habe ich sukzessive Bilder aus den vorhergehenden Jahren zu zerstört, daraus entwickelte sich eine neue Technik: mit der Spachtelkante reiße ich in rhythmischen Schwüngen die vorhandenen Farbflächen auf (Malgrund ist Tischplatte oder Sperrholz). Dann trage ich – wieder mit dem Spachtel – eine neue Schicht auf, entstandene Rillen füllen sich mit Farbe und so entsteht allmählich ein Gewebe von Linien – ein vibrierender Farbraum.

Oft sind es viele Schichten, die zum Bild führen, dabei geh es mir nicht um das Zudecken der vorherigen Schicht, vielmehr um Durchdringung der Ebenen. Diese Arbeit mit dem Spachtel geschieht mit starkem Körpereinsatz, ist auch eine Art "Bildhauerei".

Mich interessiert der Prozess, in dem schließlich Farbe und Struktur eine pulsierend-lebendige Synthese eingehen. Mit jeder Schicht entsteht eine neue Gestimmtheit – so wie jeder Gedanke eine andere Farbe der Seele heraufruft. Musikerleben spielt auch hier in meine Arbeit herein – Klangfarben im Wortsinn. Im Jahr 2010 habe ich mich für die Ausstellung „Stimmen – Klänge – Stimmen“ mit der eigenen Stimme befasst, ein persönliches Cross-Over mit Stimmarbeit bei Ralf Peters (Roy-Hart-Stimmlehrer).

Frottage

Bei dieser graphischen Abbildungstechnik reibe ich die Oberfläche von Hölzern mit Bleistift durch ein aufgelegtes Papier. Es entstehen Strukturen mit reliefartiger Wirkung, die ich mit Fotofragmenten von Skulpturen oder mit Blindzeichnungen ergänze und gelegentlich koloriere.

Blindzeichnung

Ich betrachte ein Motiv, z. B. Formen in einem Holz oder Stein, meine Augen folgen ihrem Verlauf – währenddessen zeichne ich, ohne auf das Papier zu schauen. Auch Klängen und Stimmen lauschend fertige ich solche Zeichnungen an – ich bezeichne sie auch als "Klangprotokolle". Dieser Vorgang dauert nur kurz, dann schaue ich mir die Zeichnung an und entscheide, ob ich sie "sehenden Auges" weiter bearbeite oder bereits ein stimmiges Ergebnis habe.

Ich liebe diese Art, den Stift über das Papier gleiten zu lassen: indem ich zunächst auf die Kontrolle durch das Auge verzichte, biete ich mir etwas an, was ich noch nicht kenne; das Resultat ist immer eine Überraschung, die mich im weiteren Verlauf zu neuen Ergebnissen, sozusagen zu unbekannten Ufern führt. Ich liebe auch die Leichtigkeit dieser Arbeit – als Gegenpol zu den oft mühseligen und langwierigen Prozessen beim Skulptieren im Holz oder der vielschichtigen Ölmalerei.

 

KunstRaum

Der Schwerpunkt meiner Ausstellungspraxis liegt seit vielen Jahren in dem von mir gegründeten und unterhaltenen KunstRaum (dem Atelier angegliedert). Interdisziplinäre Veranstaltungen liegen mir am Herzen, die Resonanzen zwischen verschiedenen künstlerischen Sparten: Bildende Kunst, Literatur, Musik und Performance. Durch Matineen mit GastkünstlerInnen sind meine Ausstellungsprojekte vielfach vernetzt.

Juli 2014